Was kostet Mut in einer Organisation?
"Bewerben Sie sich, wenn Sie so weit sind." Ein freundlicher Satz, der die Entscheidung an die weiterreicht, die sie am wenigsten treffen kann, denn in jeder Organisation hat Mut seinen Preis, und wer ihn aufbringen soll, hat ihn selten selbst festgesetzt.
Wie wird man eigentlich Astronautin? Dieser Frage und ihrer Mission widmete sich Dr. Amelie Schoenenwald am DAI Heidelberg und hat damit ihr Publikum nachhaltig beeindruckt. Mit rund 22.500 anderen hatte sie sich auf eine öffentliche Ausschreibung hin um einen von 17 Plätzen im Astronautenkorps der ESA beworben und einen Ausbildungsplatz erhalten. Auf die Frage, wie ihr das gelungen sei, antwortete sie mit etwas Einfacherem als Strategie: Man muss sich bewerben. Sprich sich selbst zuerst die Chance geben, es überhaupt zu versuchen.
22.500 auf 17 Plätze ergibt eine Wahrscheinlichkeit, von der sich die allermeisten abschrecken lassen würden. Dr. Amelie Schoenenwald ging trotzdem hin, weil Astronautin zu werden ihr Kindheitstraum war, ganz konkret, wie sie im DAI Heidelberg erzählte, und weil sie damit wusste, wofür sie die Unwahrscheinlichkeit in Kauf nahm.
Was die ESA dazu beitrug, war eine sichtbare Tür, denn die Ausschreibung war öffentlich, die Kriterien lagen offen, und am Ende stand eine Antwort. In Organisationen bleibt sie oft aus, und wer es dort versucht, erfährt manchmal nie, ob er überhaupt in Betracht kam.
Jutta, Projektleiterin in einem mittelständischen Industrieunternehmen (Beispiel anonymisiert), überlegte lange, ob sie sich um die nächste Position bewerben solle, und in dieser Überlegung kam die Frage, wofür sie die Stelle eigentlich wollte, gar nicht vor. Sie fragte sich nur, ob sie dafür schon genug geleistet habe.
Es fühlte sich für Jutta naheliegend an, an einer solchen Frage zu arbeiten, weil sie nach Selbstzweifel klingt und weil Selbstzweifel etwas ist, womit man arbeiten kann. Als wir gemeinsam genauer hinsahen, zeigte sich allerdings, dass Jutta ihre Unternehmenskultur gut verstanden hatte.
Diese Fragestellungen begegnen mir in meiner Arbeit regelmäßig, und fast ausschließlich bei Frauen. Der Engpass beginnt dabei schon beim ersten Schritt ins Management, den die Forschung die Broken Rung nennt, die defekte erste Leitersprosse: Auf hundert beförderte Männer kommen dort je nach Erhebung zwischen 81 und 93 Frauen. Als wirksam und erfolgreich gilt seit Jahren, mehrere Frauen gleichzeitig in Führung zu bringen, weil eine einzelne die Ausnahme bleibt, an der sich alle abarbeiten. Umgesetzt wird es trotzdem selten.
Denn was Mut in einem Unternehmen kostet, ergibt sich daraus, was beim letzten Mal mit einem Vorschlag geschah, hinter dem noch keine Position stand.
Juttas Vorstellung lautete zunächst, sie dürfe sich erst bewerben, wenn sie vollständig vorbereitet sei. In der Transaktionsanalyse gilt ein solcher Satz als Antreiber, und er war zugleich eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was sie beobachtet hatte.
Die Wendung kam, als sie eine neue Perspektive einnahm, nämlich wofür sie die Stelle überhaupt wollte. Die Antwort war deutlich: um bei Entscheidungen mitzugestalten, die sie bisher nur umzusetzen hatte. Schließlich bewarb sie sich, ohne das Gefühl ablegen zu können, zu früh dran zu sein. Sie bekam die Stelle.
Die Verantwortung liegt damit auf beiden Seiten. Wer aufsteigen will, kommt um die Frage nach dem Wofür nicht herum, und niemand kann sie stellvertretend beantworten.
Organisationen wiederum können den Preis an einer sehr konkreten Stelle senken, indem sie das Ausprobieren belohnen. Wo ein unfertiger Vorschlag als Beitrag gilt und niemandem als Schwäche ausgelegt wird, entsteht genau diese Art von sichtbarer Tür, durch die man sich zu gehen traut, und die lässt sich in jedem Unternehmen bauen.
Was es ein Unternehmen kostet, auf sichtbare Türen zu verzichten, erscheint in keiner Auswertung, denn die Bewerbung, die nie eingereicht wurde, und der Vorschlag, der ungesagt blieb, tauchen nirgends als Verlust auf.
Letzte Woche habe ich hier geschrieben, Macht beginne da, wo man aufhört, sich zu erklären. Was es kostet, damit anzufangen, entscheidet sich lange vor dem Moment, in dem jemand den Anfang machen soll.
Dr. Amelie Schoenenwald wusste, wofür sie sich bewirbt, und ist einen Weg gegangen, der sie trägt, weil er für sie Sinn ergibt. Die Frage ist, wie viele Menschen in Ihrer Organisation von der nächsten Stelle sagen könnten, dass sie wissen, wofür sie sie wollen.
Wie teuer ist Mut in Ihrer Organisation?
Häufige Fragen
Wer setzt den Preis für Mut in einer Organisation fest?
Ihn setzt meist die Kultur der Organisation, weniger die einzelne Person; sie zeigt sich daran, was beim letzten unfertigen Vorschlag geschah und ob Ausprobieren als Beitrag zählt.
Was ist die Broken Rung?
Die defekte erste Sprosse der Karriereleiter, der erste Aufstieg ins Management. Auf hundert beförderte Männer kommen dort je nach Erhebung zwischen 81 und 93 Frauen (McKinsey und LeanIn, Women in the Workplace 2025; das Buch "The Broken Rung" nennt 81). US-Daten.
Wie steht es aktuell um Frauen in deutschen Vorständen?
Der Frauenanteil in den Vorständen der 160 Börsenunternehmen in DAX, MDAX und SDAX stagniert bei 19,7 Prozent (AllBright, Stand 1. September 2025). Zuletzt ging nur jede fünfte neu besetzte Vorstandsposition an eine Frau.
Mit diesem Thema arbeite ich im Programm Seen & Heard.
Johanna Mittelmeier-Sauer begleitet seit 2003 Menschen in technischen Organisationen - in Energie, Pharma, IT und Industrie - als systemische Beraterin und Coach. Ihre methodische Grundlage: Systemik, Transaktionsanalyse, Gestalt und Somatics.
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